30.10. bis 12.11.2007

Wir kommen in die Grenzstadt Ponta Porá, es wimmelt nur so von Leuten, Autos, Mopedfahrern und Pferdekarren.
Erste Frage: „Wo ist die Grenze?“ Sie ist nicht zu sehen, die Leute sagen uns, dass man sie nicht braucht. Gut. Zweite Frage: „Wo ist eine Bank?“ „Bank? Wozu? Gibt es nicht.“ Aber „Western Union“-Wechselstuben gibt es überall und hier bekommen wir für 1€ ca. 6800 Guarani.
D.h. also wir sind schon auf der Stadtseite von Paraguay, der Übergang von Brasilien nach Paraguay ist in Ponta Porá fliessend und wenn überhaupt, nur am Zustand der Strassen und manchmal der Geschäfte zu erkennen. Und die Menschen sehen hier auch alle sehr viel mehr „rustikal-südamerikanisch“ aus.
Wir finden nach längerem Suchen die Polizei: sie ist in einen Container auf einem kleinen Hof umgezogen, der Rest ist Baustelle. Der freundliche Polizist haut uns seine Stempel in die Pässe.
Dann suchen wir den Zoll: erst den von Brasilien und gegenüber finden wir in einem riesigen Gebäude auch die Grenzabfertigung von Paraguay. Man hat Zeit! Und weil hier fast nie ein Tourist kommt, muss die Dame aus Paraguay auch erst den Schlüssel für einen ganz wichtigen Schrank und dann die Stempel selbst im ganzen Haus suchen. Aber sie findet sie und kommt ganz langsam in ihren Stilettos Gr. 36 für ihre Füße Gr. 40 die große Treppe herab geschritten.
Nicht umsonst gibt es wunderbar bequeme Sessel für die hier Wartenden.
Alles ist erledigt und es geht per freundlichem Handschlag endlich weiter: Paraguay erwartet uns.
Die Ruta 5 ist sehr ordentlich, es gibt wenig Verkehr. Mittags gibt es auch hier „Milanese“, Wiener Schnitzel aus Rindfleisch á la Südamerika.
Die Leute sind in Paraguay aber nicht so freundlich und aufgeschlossen wie sonst in Südamerika.
Wen wundert’s, wenn man ‚mal hier länger ‚rumgereist ist.
Dann fahren wir die Ruta 3 weiter. Überall begegnen uns Ochsengespanne, ganz selten mal Pferdekaleschen, auch ein paar Autos. Meist sind es nur zweisitzige Pferde-Wagen, hinten Platz für Gepäck, Gemüse, sonstiges, die von einem „alten Gaul“ gezogen werden.
Man darf sich keinen Wiener Fiaker vorstellen!

Die Ruta 3 fahren wir bis Villarica und dann weiter nach Colonia Independencia, zu „El Indio“ von
Marion und Lutz. Sie sind Deutsche und haben sich hier mit viel, viel Arbeit und Engagement ihr kleines Paradies geschaffen: Restaurant, Ferienwohnungen, Swimmingpool und Platz zum Campen. Ein schönes Plätzchen mit herrlichen Sonnenuntergängen und leider auch z.Zt. vielen Mücken.
Hier ist eine regelrechte deutsch/österreichische Siedlung entstanden. Die Bewohner sprechen sächsisch, Dialekte aus der östlichen/südöstlichen Berliner Umgebung hört man, auch bischen Österreichisch.
Und es kommen immer noch Leute, die hierher ziehen und denken, mit einer Nähmaschine kann man seinen Lebensunterhalt und etwas mehr verdienen.
Aber wenn das mitgebrachte Ersparte weg ist, dann hat man wirklich ein Problem, selbst wenn man viele Guarani verdient. Das Geld kann man nicht in „harte Währung“ tauschen, in Paraguay gibt es keine Bank. Und wenn man „richtig“ ‚was braucht, dann muss in USD oder Euro bezahlt werden!
In Südamerika will man, so erzählt man uns, über Mercosur langsam Paraguay aus der Isolation holen. Brasilien wollte sogar helfen, eine Bank zu eröffnen, die dem internationalen Währungsfond angeschlossen werden kann. Aber ob das gelingt? Die einzelnen politischen, sozialen, religiösen und ethischen Gruppierungen sind schwierig oder gar nicht zusammen zu bringen.

Schwarzhandel und Korruption sind das Einzigste, was bisher richtig funktioniert und Geld bringt!
Bei Lutz und Marion kommen ab und zu Gäste zum Essen, es sind sogar paar Deutsche Urlauber da,(Freunde, Bekannte, Verwandte), alles sehr nette Leute, aber die Tagesgäste im Restaurant?
Gespräche mit uns vermeiden sie oder werden gar abgebrochen, wenn wir uns zum Abendessen an den Nachbartisch setzen, schade aber: „Warum wohl?“ Viele haben augenscheinlich viel zu verbergen und sind deshalb hier.
Aber wenn man nun schon aus Deutschland weg „will“ oder „muss“: ausgerechnet ein Leben in Paraguay? Einen Pass von Paraguay bekommt man sofort für ein paar Euros ohne gefragt zu werden.
Weiter südlich von Independencia verkaufen Russen an ihre „Brüder“ Grundstücke im Sumpfland-doppelt und dreifach: Mafiamethoden sind nicht unbekannt und man kann vieles darüber einmal im Internet und dann auch im Hotel der Mennoniten in Asuncion erfahren.
Nun, es ist interessant, aber alles nicht unser Problem, es geht uns letztendlich nichts an. Man schaut, hört und stellt fest und wir dürfen und können auch wieder zurück nach Deutschland!
Wir fahren weiter, schauen uns Villarica an. Ein kleines Landstädtchen, mit Supermarkt. Es gibt alles zukaufen, die Qualität natürlich eine andere Frage.

Wenige sind im Verhältnis sehr reich, viele sind sehr arm. Vor allem natürlich die einheimischen Indios, die Guarani, nach denen die Währung benannt ist, davon haben sie aber nichts.
Die Armut zeigt sich schon auf dem täglichen Markt, der „verheerend“ ist. So schlechte Ware haben wir nirgends sonst gesehen. Lag es an der Jahreszeit, am Regenwetter oder doch eher an der Armut der Landbevölkerung? Die gewinnbringende Land-und Viehwirtschaft liegt gebietsabhängig in den Händen der Mennoniten!
Wir fahren weiter, Asuncion ist unser Ziel, die Hauptstadt von Paraguay. Lutz hat sich noch bemüht und uns den goldwerten Tip gegeben, auf dem Parkplatz der „Casa Mennonita“, einem mennonitischen Hotel, zu übernachten. Vorsorglich hat er noch bei Herbert Dürksen, dem Geschäftsführer, angerufen ob wir Platz bekommen. Das Hotel liegt in Rca.de Colombia/ Brasil Nr. 1062. Wir stehen dort sehr sicher, freundlich aufgenommen von allen, dürfen die Duschen und Strom benutzen, natürlich gegen Bezahlung.
Nur einmal wird unser „Sicherheitsgefühl“ stark erschüttert: ein Hochhaus gleich beim Hotel wird geräumt wegen akuter Einsturzgefahr. Das Hotelpersonal muss ganz schnell ins Hotel umziehen.
Dann kommt zu allem Überfluss auch noch ein sehr schweres Gewitter mit Sturm!

Wenn das Haus dumm zusammenstürzt, dann fällt alles auf das Hotel und uns. Woanders würde man sagen „In sha’allâh!“.
Mennos aus Deutschland, Kanada, Russland, Mexiko, natürlich auch aus Paraguay übernachten hier,
alle gut betucht. Und wer unverschuldet arm ist, bekommt Hilfe von seiner Glaubens-und Lebensgemeinschaft, wie z.B. die gerade anwesende Familie aus Mexiko, die mit ihrem Kind ins Krankenhaus muss.
Die Gäste besuchen ihre Familien, Freunde und gehen hier auch zu den mennonitischen Ärzten.

Wir lernen viele kennen: Die einen wollen auswandern und schauen sich Grundstücke und Ackerland an z.B. das, was die Russen „verkaufen“, die anderen erzählen von ihrem Leben in Fernheim, dem Kernstück der „modernen“ Mennos in Paraguay. Sie erzählen auch von den orthodoxen, den emischen Mennos im Nordosten von Paraguay und wie ihre Religion ist und wie sie z.T ausgelegt und gelebt wird. Bei den orthodoxen gibt es keine Autos, keine Elektrizität, keine Jeans-hier lebt und kleidet man sich wie im 18.Jahrhundert.
Die Jugend erzählt von ihren Problemen mit der Familie und der Gemeinschaft, wenn sie das modernere Leben einführen wollen. Sprich Beruf, Freizeit, Kleidung, Zugang zur Elektronik, Verhältnis zu Freundinnen usw. ändern wollen.
Viele sind sehr offen und freundlich, die orthodoxen aber haben eine Meinung über die Frau, die wir uns in Deutschland nicht vorstellen können: Z.B. Vergewaltigung gibt es nicht, der Mann hat schliesslich das Recht, eine Frau zu benutzen, ganz egal wie, wo und wann. Ich werde nicht gegrüßt, eine Frau gilt ja nicht’s und kann eigentlich nur in der Gemeinschaft der Frauen überleben. Und über die weit verbreitete Inzucht und ihre Folgen spricht man auch nicht gerne. Das alles hört man nur ganz leise von manchen deutschen Mennoniten, die hier ebenfalls als Touristen logieren.
Man muss hin fahren und selbst mit den Menschen sprechen, sie erleben, mit ihnen gemeinsam im Restaurant des Hotels essen! Es ist sehr interessant.
Natürlich sind wir auch durch Asunción gelaufen, haben den Regierungssitz begutachtet, die darunter liegenden Slums, die Innenstadt mit der Halle der Heroen, mit der rührend freundlichen Ehrenwache in ihren geflickten Uniformen. Die vielen „Hausruinen“, die man sogar noch kaufen kann, die Kathedrale, den riesigen Mercado IV, gleich um die Ecke von „unserem“ Hotel.

Im Reisebüro schräg gegenüber können wir Geld wechseln.
Wir beschliessen, nach 10 Tagen Asunción nicht mehr weiter in den Chaco nach Filadelfia, bzw. Fernheim zu fahren.
Wer von dort kommt, erzählt uns, dass es schon ewig keinen Regen gab und es immer an die 50°C im Schatten hat. Das brauchen wir nicht! Uns reichen schon hier die Temperaturen, die nie unter 40°C am Tag gehen, nachts haben wir zwischen 25 und 30 Grad.
Also brechen wir auf, willentlich am Sonntag! Sonntags sind vormittags kaum Verkehrspolizisten unterwegs! Die Hauptabzocker auf der Strasse! Allerdings, das haben wir auch im Laufe der Zeit erfahren, völlig verständlich! Die Polizisten, übrigens auch Lehrer und andere Staatsbedienstete, bekommen seit Monaten, manche seit Jahren, kein oder fast kein Gehalt mehr vom Staat. Der hat auch nichts und das Wenige brauchen der Präsident und seine Freunde selbst. Was macht man also?
Vom endlich mal anreisenden Touristen 200 USD verlangen für Geschwindigkeitsübertretungen, für „ weiss der Teufel, was“ ! Wenn der Tourist Zeit hat, sich als total bescheuert herausstellt, den Verkehr stört und schon andere Verkehrsteilnehmer auf sich aufmerksam macht, dann ist es besser, man lässt ihn fahren und gibt seinem Kumpel in 2km Entfernung per Funk Bescheid:“ He, da kommt einer, versuch‘ du mal, ‚was zu bekommen“. Dieses Spiel macht uns keinen Spass, also fahren wir Sonntag früh los, da schlafen die noch! Übrigens geht es allen blonden Autofahrern auf dem Weg zwischen Fernheim und Asunción ebenfalls so, hat man uns erzählt, denn Mennos haben Geld und zahlen auch, aber weniger und in Guaranis und sie müssen, da sie öfter dort lang wollen.
So geht es unbehelligt aus Asunción ‚raus nach Südosten: nach Yaguarón, wo wir uns eine wunderschöne kleine, alte Kirche von 1670 anschauen. Sie hat einen separaten Holz-Glockenturm und im Innern sind herrliche Schnitzereien zu finden. Es ist ein absolutes Kleinod! Über den Rio Tebicuary geht es weiter nach Fram, dann per Piste über La Paz nach Jésus.

Das Land ist flach, nur landwirtschaftlich genutzt, wenig besiedelt. In Jesus besuchen wir die Ruinen der alten Jesuiten-Reduktion. Es sind sehr große, ehemals sicher imposante Klosteranlagen der Jesuiten, die hier völlig autark Ihre Klöster geleitet haben, die einheimischen Indios missioniert und „nur zu ihrem Besten“ gekleidet, gebildet und zu Christen umerzogen haben. Es ging ihnen hier trotz allem wahrscheinlich besser, als wenn sie in der Knechtschaft der Spanier gestanden hätten. Dabei ging natürlich ihre eigene Kultur und Lebensweise verloren, sie mussten/durften in dieser großen Gemeinschaft im Dienst der Jesuiten lernen, leben und arbeiten. Fingen aber auch Krankheiten auf, die ihnen den Tod brachten, weil sie keine Abwehrstoffe dagegen bilden konnten.
Als die Jesuitenorden zwangsweise aufgelöst und sie um 1780 ‚rum überall vertrieben wurden, waren die Indios unfähig, die Klöster mit der Landwirtschaft und den dazugehörigen Handwerksbetrieben und Schulen weiter zu führen.
Selbständigkeit wurde ihnen tragischerweise nicht gelehrt!

Die Klosteranlagen verfielen alle, übrigens auch die auf argentinischer und brasilianischer Seite, die wir ebenfalls besuchen wollen. Hauptsächlich von dem Kirchenschiff in Jesú und den Häusern der Indios stehen noch ein paar Restmauern. Ein Großteil der Steine wurde schon längst für den Bau umliegender Häuser zusammen gesammelt oder abgetragen. Das ist hier so, wie überall auf der Welt.
Frei stehen wollen wir nicht, ist auch wohl nicht so ratsam, zumal fast jeder sein „Hühnerbeinchen“ in der Hosentasche hat. Bei Hohenau finden wir endlich einen Campingplatz, aber mit unerträglich vielen Blutsaugern und einem Abzockpreis. Am nächsten Tag geht es gleich weiter und der Campingplatzbesitzer versteht die Welt nicht mehr als wir ihm sagen, dass der Platz unverständlich überzogen teuer ist!
Wir wollen uns noch die andere und angeblich schönste Reduktion anschauen: Trinidad del Paraná.
Bis auf einen einzelnen Herren sind wir hier ganz allein. Das riesige Gelände kann man kreuz und quer durchstreifen. Die Ruinen dieser Reduktion sind noch am Besten erhalten, z.B. die der Hauptkirche, des Klosters, der Indiohäuser. Es ist wunderschön hier. Mit Phantasie kann man sich noch vorstellen, wie es einmal war, als noch Jesuiten und Indios in diesem Kirchen-Dorf gelebt und gearbeitet haben. Heute machen nur noch die kleinen grünen Papageien Lärm, wenn sie durch die Sträucher und Bäume toben.
Wir fahren weiter nach Encarnacion.

Am Strassenrand sehen wir noch im Vorbeifahren eine wunderbare leicht zusammen gefallene Lokomotive auf einem „Eisenbahn-Friedhof“ kurz vor der Grenze stehen. In der Lore hinter der Lok türmt sich wild altes Holz, sie wird wohl als Lager benutzt. ABER! Auf ein Mal fängt sie an zu fauchen und zu dampfen und sie fährt! Gaaanz langsam, vorne steht stolz „Republica del Paraguay“. So wie die Lokomotive ist das ganze Land, wo nicht einige Mennos „das Heft in die Hand genommen“ haben.
Die Lok müssen wir natürlich noch fotografieren, dann wollen wir über die große neue internationale Brücke, die den Paraná überspannt, der die Grenze zu Argentinien bildet.
Die Grenzer sind auf beiden Seiten alle sehr freundlich und schon sind wir in Posadas, Argentinien.
Letztendlich sind wir eigentlich froh, Paraguay gesehen aber auch nun wieder verlassen zu haben!
Ein interessantes Land mit interessanten Leuten, von denen man interessante Geschichten und Ansichten hört.

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