Durch die Provinz Kham (Osttibet)

04.04.2010 bis 10.04.2010

von Shangri La nach Lhasa

Karte-Tibet

Unser erster Guide Wang ist also auf dem Weg nach Kunming und Thupten ist nun unser
Guide Nr. 2.

Thupten ist Tibeter, immer lustig, freundlich, sehr kooperativ und weiss über alles Bescheid.
Man kann fragen was man will, wir bekommen immer eine ausführliche Antwort. Und weil sein Englisch auch sehr gut ist, können wir gut mit ihm plaudern. Wenn er will. Denn oft genug hält er in der Öffentlichkeit offensichtlich Abstand zu uns, dann lächelt er nur freundlich.
Chinesen müssen vorsichtig sein.

Wir kommen an den Schlagbaum zur Strasse nach Dechen. Thupten verhandelt noch kurz mit den Leuten dort und ohne uns in die Kolonne einzureihen können wir sofort durchstarten.
Das Wetter ist miserabel.
Nix is mit Meilli-Gletscher, nix is mit Blick auf die Salzgewinnungsanlage bei Yanjing, nix is mit ……
Wir stehen im Nebel, kämpfen uns durch Baustellen, wo man besser gar nicht anhält, der nächste
Unfall folgt bestimmt! Ab 3200m haben wir Schnee. Dann kommt alles zusammen:
Nebel, Schnee, Baustellen, oder Schnee und Eis auf den Asphaltstrassen, Staus durch Unfälle.
Die (derzeit vorwiegend) Erdstrassen sind in diesem Zustand oft genug nur einspurig zu befahren, die Ausweichen sind nicht besonders groß aber relativ zahlreich. Nicht aber für drei aufeinmal, die immer zusammen bleiben müssen. Also gibt es auch wieder Zeitverzögerungen, die uns oft genug in die Dämmerung bringen. So haben wir unseren täglichen Kampf.

Wir kommen nach Dechen. Es giesst wie aus Kübeln und leider sehen wir nichts von der angeblich so herrlichen Landschaft. Auf dem Parkplatz von einem Hotel, ein hässlicher Hof!, können wir für die Nacht stehen.
Alle LkW, in beide Richtungen, müssen hier durch die Stadt durch fahren, es herrscht ein absolutes Chaos.
Es regnet auch am nächsten Tag, alles verschlammt, immer noch ist nichts ist zu sehen. Die Wolken liegen auf der Strasse.
Aus der Stadt heraus geht es dann teils auf Piste, teils auf Asphalt weiter.
Herrliche Tiefblicke, hunderte Meter hinab bis zur Talsohle begeistern uns und lassen uns auch erschauern. Tief unter uns fliesst der Hochwasser führende Mekong.
Ab 3200m liegt Schnee.
Viele LkW’s haben Schneeketten oder wenigstens Stahlseile oder -ketten als Notbehelf durch die Felgenlöcher gezogen. Das ist gut bei Schlamm und Schnee.
Die Wirkung ist soweit in Ordnung, nur kann man doch seitlich leicht wegrutschen.
Das sehen wir dann auch öfters und können die Bergungsarbeiten im Stau stehend begutachten.
Unterwegs machen wir bei kleinen einheimischen Restaurants halt und essen hervorragende Nudelsuppen. Ziemlich scharf! Osttibetische Bauernhäuser und Dörfer passieren wir.
Uns gefallen die trutzigen Höfe mit den schön geschnitzen und bemalten Fenstern.
Auf den Dächern wehen die bunten tibetanischen Gebetsfahnen.

Seit Dechen müssen wir mit zwei Polizeiautos als Eskorte fahren.
Aber das ist egal, Hauptsache wir dürfen durch Osttibet nach Lhasa fahren.
Die Polizisten sind sehr nett, machen keinen Stress, sind immer geduldig und gut ‚drauf.
Sie machen es uns oft genug bequem, die Strasse zu befahren:
Wenn wir kommen, müssen die Lkw’s stoppen, der Gegenverkehr muss anhalten und wir haben es
dadurch manches Mal leichter auf den schmalspurigen Pisten. Werden vorbei geschleust und haben so einen Stau weniger.
Wir können uns kommunistisch frei bewegen, fotografieren was wir wollen, mit den Leuten am Strassenrand Spass haben.
Natürlich: bei diesen Umständen sind wir ausserordentlich langsam, Karl-Heinz mit seinem LkW will ja auch nicht runter fallen, wir „kleinen“ haben es da besser.
Wir machen uns manchmal Gedanken, was passiert, wenn wir zu spät an der Grenze nach Nepal kommen?

Die Landschaft ist immer fantastisch, mit oder ohne Schnee:
Manchmal sahen wir uns an die Täler in den Alpen erinnert-die Dimensionen aber hier sind gigantisch! Kommen wir in geschützte Talbereiche sehen wir die ersten Obstbäume ganz zart blühen. Der Anblick ist in dieser rauhen Gegend direkt rührend. Auf manchen Feldern arbeiten schon die ersten Bauern. Hier unten, etwas tiefer auf ca. 3000m ist es schon milder.

Unterwegs begegnen uns die ersten Pilger nach Lhasa. Auch sie gehen hier über die gleichen Pässe, über die wir mit den Autos fahren. Alle Achtung!
Geschützt durch lange Schürzen, Hölzern unter den Handballen und Knien machen sie einen Schritt und gehen anschliessend mit der ganzen Körperlänge auf die Strasse. Dann wieder aufstehen und alles von vorn. So kommen sie dabei betend über Tausende von Kilometern irgendwann in Lhasa an. Dem Ziel Ihres Lebens.

Wir kommen in die Gegend von Markham und wieder haben wir Baustellen zu bewältigen.
Am talseitigen! Pistenrand hängen die Zelte der Bauarbeiter. Ziemlich vom Absturz bedroht, wenn man das so sieht. Man kann die Leute nur bewundern, mit welchen Mitteln und in welchen Zuständen sie hier Strassenbau betreiben. Tarifliches Schlechtwettergeld kennen die hier nicht!

Endlich lichtet sich mal der Nebel , die Sonne kommt durch und wärmt auch Herz und Seele. Den Rest besorgt eine hervorragende Nudelsuppe in einer Holzhütte am Strassenrand bei einem Dorf.
Die Namen kennen wir nicht. Die Ost-Tibeter, die Leute aus dem Dorf und LkW-Fahrer kommen uns bzw. unsere Autos begutachten. Wir begutachten sie. Irgendwie schauen die Männer doch verwegen, manche wie „Raubritter“ aus. Sie haben alle lange Haare, auch die Männer. Die flechten sie zusammen mit dicken roten oder grünen Stoffstreifen oder Wolltrotteln zu Zöpfen, die sie sich als Kranz um den Kopf legen. Obenauf noch 1-2 Pudelmützen.
Das schaut immer sehr lustig aus.

Nun kommen wir zu unserem ersten 5008m hohen tibetischen Pass. Oben wehen hunderte von
Gebetsfähnchen, Yaks ziehen über die verschneite und vereiste Strasse. Die Sonne lacht uns zu.
Auf der anderen Seite vom Pass sieht es nicht mehr so toll aus: der Schnee liegt höher, von weitem sieht man die Wetter angezogen kommen. Sekunden später stehen wir im Schneesturm.
Noch etwas weiter und wir stehen im Stau und gleich wieder im nächsten Schneesturm.
Es kracht und donnert, regelrechte Blizzards ziehen über uns hinweg. Es ist eisig kalt hier oben! Sogar unser Guide Thupten hat sich schon seine Decke wie einen Rock um die Beine gebunden.
Vor uns, in ordentlicher Entfernung, ist ein Militär-LKW den Hang ‚runter gerutscht.
Nun heisst es wieder bisschen warten, sogar einheimische Motorradfahrer kommen uns dick eingepackt entgegen.
Dann geht es zig Serpentinen wieder weiter runter. Bisschen rutschig das Ganze aber die LkW’s über uns sind brav, bleiben oben und hinter uns.

So kommen wir wieder in schneefreie Gebiete. Yaks laufen umher, in den Dörfern fangen die Tibeter wieder gemeinschaftlich an, auf den Feldern zu arbeiten. Die Bäume tragen noch kein einziges grünes Blättchen.
Pilger mit der ganzen Familie treffen wir auch wieder auf der Strasse. Sie ziehen ihre Holzkarren mit ihrem ganzen Hausrat selbst, übernachten in Zelten, sind eigentlich richtige tibetische „Zeltler“ und sind ebenfalls zu ihrem großen Ziel Lhasa unterwegs.
Frauen stehen am Strassenrand und wollen uns Ginseng-Wurzeln verkaufen.
Das ist sicher selten für uns und speziell, nur können wir damit nicht richtig umgehen, wissen nicht, wie wir sie verarbeiten sollen. Schade. Probiert hätte ich es allemal, aber so geht es leider nicht.
Und natürlich können wir nicht miteinander reden.

Schön langsam, immer hoch zum nächsten 5000er Pass und runter, oft auf Piste mal auf etwas Asphalt, mal bei Sonne, mal im Schneetreiben, über einsame Plateaus hinweg, an Bauernhäusern und Yakherden vorbei kommen wir nach Bambda.
Hier können wir auf der Polizeistation übernachten. Mit Toilette und Dusche, mehr oder weniger im Freien. Aber auf die verzichten wir gern-jeder Wassertropfen friert sofort auf der Haut fest.
Es ist schneidend kalt aber der Himmel sternenklar! Die Berge leuchten weiss von Schnee.

Am nächsten Tag bekommen wir alle ein Problem. Die Autos wollen nicht anspringen.
Bei -15°C und Sommerdiesel ist das eigentlich klar. Mit Fön, heissem Wasser und anderen Tricks
schaffen es die Männer, die Autos in Bewegung zu setzen und so können wir zur nächsten Tankstelle fahren. Was gibt es da? Diesel bis -20°C!
Warum hat man das uns nicht gestern abends schon gesagt? Warum haben wir nach 10 Stunden Pisten-Fahrt der nicht einfachen Art nicht selbst daran gedacht?
Nun ja, ein Erlebnis und eine Lehre mehr: „Ist ja nochmal gut gegangen“.

Nach dem Tanken geht es wieder weiter nach oben auf einen weiteren Pass. Das Wetter ist herrlich, die Sonne strahlt mit uns um die Wette. Über die Piste, die teilweise abenteuerlich in Felswände ‚rein gesprengt wurde, kommen wir aus der Schneezone wieder heraus. Etwas weiter unten sehen wir schon den wahnsinnigen weiteren Verlauf der Piste ins Tal:
Durch atemberaubende Haarnadelkurven geht es ins Tal. Ein Meisterstück der Strassenbaukunst.

Sehr! vieles wurde mit der Hand armer Wanderarbeiter gebaut. Für sie reicht der Lohn natürlich nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Wer weiss, ob den Strassenbau dort überhaupt alle überlebt haben. Wir werden es nicht erfahren, denken uns aber unseren Teil, wenn wir sehen, wie sie am Strassenrand neben ihren lumpigen Plastikzelten für die Nacht, bei dieser Kälte, am Abhang leben und arbeiten. Und von „gesunder Ernährung“ hat hier weit weg von einem Laden und ohne Chance etwas kaufen zu können auch niemand ‚was gehört. Zum Trinken gibt es wohl nur Schnee-oder Regenwasser, gekocht mit ein paar Teeblättern ‚drin.
Auch heute gibt es noch „Kulis“, Tagelöhner, oder auch tibetische Zwangsarbeiter, die ein hartes und bitteres Leben fristen müssen. Nicht als Sklave eines Herren, inzwischen als Sklave der Lebensumstände in den armen Gebieten Chinas oder der politischen Umstände in Tibet.

Wir sind froh weiter fahren zu können und wundern uns dennoch immer wieder, wie die Menschen hier trotz allem noch fröhlich winken und scherzen können.

Bald überholen wir auf der tiefer unten liegenden Asphaltstrasse wieder Pilger mit Ihren Karren, die sie selbst hinterher ziehen. Es sind ganze Familien, die hier unterwegs sind. Die kleinen Kinder sitzen in den Karren drin. Alle sind fröhlich, lachen, winken, und unübersehbar wehen die großen tibetischen Gebetsfahnen im Wind.
Auch sie gehen über den gleichen Pass, den wir jetzt ansteuern: 4475m hoch und tief verschneit!
Welch eine Leistung.

Am Ranwu-See leitet uns die Polizei noch zu einem schönen Platz für die Nacht, dann sind wir wieder „freie“ Menschen, soweit man das hier in China sein kann.
Der Platz ist sicher wunderschön, aber die Umstände: Regen, Schnee, Matsch, ein angeketteter Hund, der sich vor lauter Kälte dann Gott sei Dank in seine Hütte verzieht, endlich aufhört zu bellen und schläft.

Hier endet so ziemlich Osttibet. Wir kommen nach Zentraltibet.
Ab heute dürfen wir allein, ohne Polizeieskorte, weiter fahren.
Wir können aber behaupten, dass wir nie Probleme mit unseren Polizei-Eskorten hatten, dass sie immer sehr freundlich und lustig waren und auf manchen Teilabschnitten waren sie auch nützlich.
Sie haben uns, wie schon beschrieben, öfters mal den Weg über die Pisten bei Gegenverkehr vereinfacht: „Alle Mann anhalten, jetzt kommen wir VIP’s aus Europa“ hiess es dann. War vielleicht nicht immer richtig, aber für uns gut. Und wieder haben die Tibeter/Chinesen uns freundlich beim Vorbeifahren zugewunken oder wohlwollend genickt. Sie haben uns auch immer, den Umständen entsprechend, ordentliche Plätze für die Nacht zu gewiesen.

Nahe dem Glaubenszentrum der Bön, bei Nyangtri, gibt es schon fast tausende der tibetischen Gebetsfähnchen in allen Größen: befestigt an Stupas, Bäumen, Brücken, Felsüberhängen, manchmal über das ganze enge Tal gezogen. Aber die heiligen Berge und den heiligen See sehen wir vor lauter Wolken nicht und aus Zeitmangel können wir auch nicht hinfahren. Schliesslich sind wir schon 5 Tage zu spät ‚dran. Das ist aber kein Problem. Wir sehen vielleicht weniger, erleben anderes aber alles intensiv. Stress machen wir uns nicht zusätzlich.

Dann kommt mit 5013m der letze hohe Pass vor Lhasa, der Mi La. Auch wenn es viele graue Wolken hat, die Stimmung schon fast dramatisch ist, ist die Sicht und die Stimmung doch fantastisch.

Etwas unterhalb gehen wir in ein tibetisches Restaurant Yak-Fleisch-Suppe essen. Die ist sehr
schmackhaft und sättigend. Das Fleisch ist allerdings in winzig kleine Würfel geschnitten. Das
ist kein Zeichen von Armut, sondern zeigt, wie hart das Fleisch ist. Man kann es praktisch kaum zerbeissen. Kein Wunder, denn sicher werden nur die ganz alten Yaks, die inzwischen für die Arbeit unnütz sind, verspeist.

An Strassensiedlungen, die noch gar nicht richtig fertig ausschauen, kommen wir als nächstes im Tal vorbei. Bei einigen weht eine größere chinesische Flagge, bei anderen die tbetischen Gebetsfähnchen in Bündeln auf dem Dach oder über dem Eingang.

Ja, die Chinesen wollten keine Nomaden im Land, die da machen, was sie wollen. Die umher ziehen und schwer kontrollierbar sind. Also wurden Häuser gebaut, die die Nomaden mit Krediten kaufen mussten und die nun zwangsweise sesshaft wurden. Einige scheinen sich aber mit Geschick der staatlichen Beobachtung zu entziehen. In Tingri z.B. stehen etliche Häuser wieder leer, hier, nahe Lhasa sieht man kaum Ackerbau aber wieder Tiere und schon etliche umgebaute, „tibetisierte“ Häuser.

Es geht noch etwas weiter und bald weitet sich das Tal. Am Fluss Kyi Chu zeigen sich erste Weiden, die uns in ganz zartem Grün begrüßen.
Dann kommt bald eine große Brücke, ein Flughafen ist in der Nähe, die Berge werden niedriger
und auf ein Mal sehen wir ihn: Unfassbar, aus der Ferne über den Fluss herüber grüßt uns der Potala. Lhasa ist erreicht!
Jahrzehnte schon lesen wir die Berichte von den großen Asienreisenden und
nun sind wir selbst da. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.

Mehr dazu gibt es im dritten und letzten Teil der Berichte von unserer Reise durch China:

Lhasa, einige der großen tibetischen Klöster, die Perlenkette der 8000er, erwarten uns.