13.10. bis 22.10.2007

Das Wetter ist herrlich, gegen 14°° sind wir bei Mike und seiner Familie, Gerd kommt auch bald.
Ist ganz fertig, seine Koffer sind wieder einmal nicht mit seinem Flugzeug angekommen. Auf jeden Fall scheint das nicht mehr unnormal zu sein. Solche Sachen haben wir auch von anderen Reisenden öfters gehört. –
Ab heute stürzen wir uns ins Oktoberfestgewimmel.

Abends ist der erste Umzug, Desfile, wie man hier dazu so schön sagt. Natürlich gehen wir hin. Wir sichern uns noch einen schönen Platz am Strassenrand damit wir nötigenfalls auf dem Bordstein sitzen können und schon geht es los:
der erste Reiter erscheint mit der brasilianischen Fahne, auf die man Fröhlichkeit hier ganz groß geschrieben hat! Dann kommen die ersten Musikkapellen mit deutschen Märschen, wie man sie auch von der Münchner Wies’n kennt, nur etwas softer gespielt, mit weniger „Schmiss“.

Es kommen die Schützen, Trachten-und Volkstanzgruppen und Trachtenkapellen, begleitet von den Wagen der einzelnen Vereine. Wagen, auf denen die Handwerke der Einwanderer dargestellt werden, Kindertanzgruppen, italienische Fahnenschwinger. Natürlich auch der Begründer des Oktoberfests, der derzeitige Organisator, die Stadtvertreter mit dem Bürgermeister. Die letzteren natürlich alle in von geschmückten Pferden gezogenen und schön herausgeputzten Kutschen. Ein Großteil des Umzugs wird von alteingesessenen Firmen deutschen Ursprungs und von den Brauereien gestellt. Die Landwirtschaft ist natürlich auch vertreten. Und Freibier gibt’s, man muss nur seinen Bierkrug hinhalten. Es kommt das Chopp-Mobil von Brahma, die „Locopéia“ von der Brauerei Eisenbahn, die „Garotapéia“ und die „Centopéia“, der längste zusammenhängende Bier transportierende Fahrradzug der Welt.
Das Volk singt und tanzt am Strassenrand mit.

Es kommen das Musik-Motorrad, das Musik-Fahrrad. Zwischendurch kommen die Musikgruppen, die auf dem PROEB, dem Oktoberfestgelände, in den drei Bierhallen spielen.
Dort kann dann gesessen, gestanden oder getanzt werden.
Man muss es erlebt haben: Es herrscht eine Riesenstimmung bis nachts um ca. 3°°Uhr gibt’s Live-Musik.
Auch deutsche Kapellen und Gruppen sind dabei. Z.B. die „Winzerkapelle Rödelsee“, die jeden Abend in der besten Halle eine super Show abzieht. Durchgehend zwei Stunden lang. Sie wechseln diesmal mit der brasilianischen Gruppe „Os Montanaris“, ebenso toll, ab.

Die deutsche Gruppe “Pauli Kärntner Elbmusikanten” ist auch angereist, Südtiroler Gruppen, alle machen tolle Stimmung. Die Besucher „ziehen mit“.
Während jeden „Kapellenwechsels“ treten verschiedene Volkstanzgruppen auf.
-Oder sind wir jetzt doch in …. und nicht in Brasilien!? Muss Brasilien sein, in …. wird nicht so fleissig gespielt und es gibt viel mehr “Fans” die „über den Durst“ getrunken haben.
Freitag und Samstag wird es dann richtig voll. Die besten Gruppen spielen erst ab 0 Uhr bis zum Ende. Omnibusweise kommen die Leute, vornehmlich aus Sao Paulo, angereist! Aber auch viele Argentinier kommen. Leute aus ganz Südamerika und aus Europa, die zu dieser Zeit ihre Verwandtschaft besuchen, reisen an.
70% der Musik, so wurde vom Gründungskomitee festgelegt, muss deutschen Ursprungs sein, viele Lieder kennt man: Anton aus Tirol lässt sich öfter hören, die Fischerin vom Bodensee schaut vorbei und wenn der Hund mit der Wurst über’n Eckstein springt kommt Schützenliesl, dreimal hat’s gekracht und, man stelle sich vor! In München steht ein Hofbräuhaus!
Die deutsche Volksfest-Musik wird, je später umso öfter, im brasilianischen Stil ‚rübergebracht, die Halle fängt an zu beben! Alle singen mit, wir kennen natürlich nur die Texte auf deutsch, die anderen auf brasilianisch. Verstehen kann man sowieso nicht viel. Egal.

Und deutsche Märsche und Walzer im brasilianischen Sound hören sich nicht schlecht an! Die Lautstärke geht grad noch so, keinem „fliegen die Ohren weg“, man gewöhnt sich, wenn man früh genug erscheint. Übrigens, alles „Rauchfreie Zone“ und es geht!!
Das Bier gibts in Plastikbechern á 400ml, kostet 3,5 Rial und heisst z.B. „Eisenbahn“, „Brahma“, „Heimat“, „Wunder“.
Man kauft seine Anzahl geschätze Biermarken/Abend und holt sich seine Bierchen bei den entsprechenden Brauereiständen ab. Manchmal muss man Marken nachkaufen, das geht natürlich, die ganze Nacht hindurch. Alle Brauereien nehmen für jede Sorte Bier, egal ob hell, dunkel, Weissbier oder „was ist das denn?“-Bier (halb Bier-halb Rotwein) den gleichen Preis. Für halb-halb müsste man eigentlich sein Geld zurück bekommen. Aber wir treffen niemanden, der vor lauter Alkohol nicht mehr stehen könnte! Selbst nachts um zwei Uhr auf dem Heimweg nicht. Vielleicht sind auch schon alle jene „weggefangen“ worden? Polizei ist allgegenwärtig!
So ziemlich jeden Umzug haben wir mitgemacht und waren mindestens, wenn nicht noch öfter in den Bierhallen. Mit und ohne Gerd.
Übrigens, diagonal vom PROEB-Eingang ist die Markthalle.

Hier gibt es zwei Mal pro Woche hervorragende deutsche Wurst, Kochkäse, Schinken und Speck, Aipim(Brot aus Maniok), natürlich auch Schwarzbrot und Vollkornbrot, Rollmops, eingelegte Gurken. Alles von Erzeugern selbst hergestellt. Auch der Käsekuchen,mmh! Vor allem wenn man das alles lange nicht gegessen hat, dann schmeckt es erst recht richtig super gut!
Aber Blumenau und Umgebung hat mehr zu bieten als nur ein Mal im Jahr das Oktoberfest!
Gerd als hervorragender „Fremdenführer“ zeigt uns seine Heimat, die eng mit der Geschichte seiner Familie und der seiner Frau verbunden ist. Wir verbringen viele schöne Stunden miteinander.
Die Stadt ist zur Oktoberfest-Zeit eine Hochburg des Tourismus und auch entsprechend herausgeputzt.
Sonst findet man schöne kleine Geschäfte, die Chinesenläden drücken natürlich auch ‚rein, in der sog. deutschen Buchhandlung Ecke Rua N.Deeke bekommt man die deutsche Zeitung.
Das Biermuseum ist hübsch gestaltet, das Castelinho da Moellmann zieht mit seinem Fachwerkstil alle Blicke in der Rua 15 de Novembre auf sich. Moellmanns, Deutsche der „ersten Stunde “ in Blumenau, gehört eine Kaufhauskette. Die moderne Kathedrale, das große Theater Carlos Gomez und die Prefeitura im Schwarzwaldstil sind die anderen stattlichen Gebäude, die das „deutsche“ Stadtbild prägen.
Und auf den Friedhöfen etwas oberhalb der Stadt sieht man alle die sehr gepflegten Gräber deutscher Familien, die die Stadt gegründet, aufgebaut und „zukunftssicher“ gemacht haben und noch erhalten.

Cultura germanica hat sich zum Wohle der Stadt und der Umgebung durchgesetzt.
Dann machen wir uns auf, das Umland von Blumenau kennen zu lernen. Wie schaut es in den kleinen Ortschaften und Weilern aus?
Hier ist „Pommernland“ nicht abgebrannt.
Die Umgebung bietet das, was man als „Deutsche Art“ bezeichnen kann mit allem was landläufig dazu gehört: ordentlich, sauber, korrekt, vor den kleinen Bauernhäuser schöne Bauerngärten mit Hortensien, Rittersporn, Löwenmaul, Jungferingrün,… Es wächst natürlich auch wilde Ananas, saure und süße Misteln an Sträuchern, Bananen,….Man spricht Pommersches Platt oder Hochdeutsch mit dem Zungenschlag der damaligen „Nachdriebengemachten“. Die Menschen sind im positivsten Sinne solide, aufgeschlossen und herzlich. Das Leben verläuft in ordentlichen, kann man sagen, natürlichen Bahnen? Oft leben noch mehrere Generationen unter einem Dach. Blumentöpfe stehen auf den Veranden der alten meist gut erhaltenen Holzhäuser, daneben ein Schaukelstuhl.
Vor den Häusern grasen ein paar braune Kühe, Hühner und Gänse laufen herum, manchmal auch gut genährte und vorallem gut gelaunte Schweine. Ist doch was anderes hier draussen auf den Wiesen und im Schlamm als in sterilen Ställen.

So gibt es das in Deutschland nicht mehr. In Pommern gibt es ja auch nicht solche Berge und Täler, aber im Fränkischen hat es vor 30-40 Jahren auch so ausgeschaut. Hier stimmen noch in der Mehrzahl der Familien, Firmen und Gemeinden die sozialen Strukturen ( sogar bei den Viechern!) Es leben hier (noch) vorwiegend Einheimische, die ihre Traditionen in hunderten Vereinen pflegen. Die Bildung ist hoch, Arbeitslosigkeit ist gering und Favelas werden nicht toleriert. Hoffentlich bleibt es so.
Natürlich fahren wir nach Pomerode, gehen im Restaurante Pomerode Menü mit Gänsebraten, Rotkraut und Kartoffeln essen.
Bischen dauert es noch bis Sankt Martin, die Gans aber ist ein Genuss! Wir bewundern den Maibaum, ein Café bei Schroeder geht nicht mehr in den Magen rein. Die evangelische Kirche ist ein stolzer Bau mit einem riesigen Parkplatz davor. Sie scheint gut besucht zu werden.
Etwas ausserhalb sind die kleinen Dörfer sehr schön nahe romantischen Flußläufen/Bächen gelegen. Dann fahren wir bei herrlichstem Wetter durch das Tal des Itajai, nach Ibirama, nach Presidente Getulio und Dona Emma.

Die Namengeberin war Gerds Grossmutter, die damals als Bürgermeistersgattin sozial sehr viel und effektiv tätig war. Hier am Weg nach Donna Emma liegt die Grotte der Fatima. Müßte ein feines Plätzchen zum Übernachten sein. Früher haben dort noch die Indigenen gewohnt, die dann getötet oder vertrieben worden sind von den neuen Siedlern. Geschichte, die sich auf der Welt ständig wiederholt nur mit z.T. anderen Mitteln. Oberhalb von Donna Emma weitet sich das Hochplateau wo es dann nur noch Pisten gibt. Wir rechnen hin und her aber weder Gerd noch wir haben Zeit, jeder hat seine Verabredung. Wir verabschieden uns von der Familie seines Sohnes und Gerd muss langsam packen, die Frau und Arbeit rufen ihn über den Atlantik zurück.
Wir treffen uns noch mit Langzeit-bzw. Nurnoch-Fahrern, mit denen wir ebenfalls noch gemeinsam aufs Oktoberfest losziehen werden.
Sie haben ein großes, grünes Schloss- einen braunen „Dauerläufer“- ein blaues Miniactionmobil und zum Schluss stehen wir alle gemütlich beim Club 25.Juli vor dem Café Waldemar. Es gibt viel zu erzählen, denn GreenCastle sahen wir das letzte Mal in Salta und den “kleinen blauen” in Rio.

Wer die Rua 7 de Septembre Richtung PROEB fährt, sieht bald auf dem folgenden Mittelstreifen ein Schild vom Café Waldemar dem man nur folgen muss. Auf dem Parkplatz darf man gemütlich stehen und im Café mittags essen, … und abends kommen die Wasserschweine mit Kind und Kegel zum Futtern auf die große Wiese.
Beim Angeloni finden wir ein super Internet mit Fax und Drucker und Scanner. Wir buchen unsere Rückreise für Ende März 2008 mit der Grimaldi-Linie. Mutter geht es noch ganz gut, wir wollen sie nicht noch länger allein lassen. Auch wenn wir alle paar Tage miteinander telefonieren.
Nach 10 Tagen kommt für uns nun das letzte Desfile, die letzten Biere in den Hallen, dann haben auch die Ohren wieder Urlaub.
Am Montag fahren alle ausser Green Castle los:
Wir über Treze Tilias und Maringá nach Paraguay, Zellingers über Uruguay nach Buenos Aires und Beckers werden die nächsten Jahre weiter ihre Runden in Südamerika drehen.
Es war eine herrliche und lustige Zeit.
Aber jetzt hat jeder wieder seinen eigenen Trott.

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